Solare Wasserstoffwirtschaft - die Zukunftsaufgabe der EU

Jo Leinen im Solarpark Saarbrücken-Ensheim

Die europäische Integration begann mit einer Energiefrage: Neben der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (1951) verkörperte der EURATOM-Vertrag (1957) die Nachkriegsträume eines atomaren Europas. Heute wissen wir, dass Kohle als Energieträger langsam verschwindet und Atomenergie von den Menschen nicht länger akzeptiert wird.
Jetzt aber kann es einen neuen europäischen Traum geben, der auf der Vision einer Wasserstoffwirtschaft und auf erneuerbaren Energiequellen basiert. Die Wasserstoffwirtschaft hat alle Voraussetzungen zu einer "3. industriellen Revolution" zu werden und der Gesellschaft die historische Chance für einen neuen Wirtschaftsboom mit Millionen neuer Arbeitsplätze zu bieten.

Die fossilen Energievorräte gehen zur Neige. Gleichzeitig steigt der weltweite Energiebedarf und Energieverbrauch enorm an. Die globale Erwärmung nimmt zu.
Verschärft wird diese Situation durch weiter steigende Erdöl- und Erdgaspreise sowie die Abhängigkeit von wenigen, zum Teil sehr instabilen Ländern, in denen diese Rohstoffe gefördert oder durch die sie transportiert werden. Das alles ist kein Geheimnis.
Was ausbleibt, sind Taten der europäischen Regierungen, um dieser wachsenden Unsicherheit entgegenzuwirken. Es scheint an politischem Willen zu einem mutigen und raschen Umdenken und Handeln zu fehlen. Im Juni 2006 haben die europäischen Staats- und Regierungschefs auf ihrem Gipfel lediglich entschieden, dass Energiepolitik ein wichtiges Thema ist. Visionen oder gar konkrete Vorschläge für ein gemeinsames Vorgehen blieben aus.

Studien, die den Energiebedarf bis zum Jahr 2030 untersucht haben machen die Notwendigkeit eines Umschwenkens deutlich. Aus ihnen geht hervor, dass der Energieverbrauch weltweit um 60% ansteigen wird, vor allem bedingt durch den Nachholbedarf in den heutigen Schwellen- und Entwicklungsländern. Und das vor dem Hintergrund knapper werdender Ressourcen. In 25 Jahren wird die EU 90% ihres Erdöl- und 80% ihres Erdgasbedarfs importieren müssen. Um den steigenden Energiebedarf der Welt durch Atomenergie zu decken, müssten in den nächsten 50 Jahre 7000 neue Atomreaktoren gebaut werden. Mit ihrer Zahl stiege auch das Risiko von Reaktorunfällen. Die Baukosten und die Beschaffung von Uran sind so teuer, dass Atomstrom vom Staat unterstützt und von Großunternehmen produziert werden muss. Und zu der Bedrohung für die Umwelt kommt die Gefahr der Produktion von waffenfähigem Uran.
Andere Ressourcen, wie Kohle, Öl oder Erdgas werden knapper und teurer, sie würden zur weiteren Verschmutzung der Umwelt beitragen und die Abhängigkeit von instabilen Förder- bzw. Lieferregionen steigern.
Energiepolitik ist zunehmend Standortpolitik und Energiesicherheit gehört zu den wichtigsten Themen heutiger und zukünftiger Politikgestaltung. Wenn Energie dezentral gewonnen werden könnte, aus Rohstoffen, die überall und in großem Umfang verfügbar sind, dann wäre ein wichtiger Schritt für die Versorgungssicherheit getan.

Dabei weisen Wissenschaftler, Umweltexperten und Ingenieure seit langem auf vorhandene Alternativen hin. Alternativen, die nicht nur die Probleme Energieversorgung, Energiesicherheit, Energieeffizienz und die steigenden Kosten lösen, sondern auch Handlungsoptionen im Kampf gegen die Umweltverschmutzung und die Arbeitslosigkeit bieten. Die solare Wasserstoffwirtschaft ist eine solche Alternative.

Die Nutzung von Wasserstoff als Energieträger ist unter den genannten Voraussetzungen ein vielversprechender Ansatz. Wasserstoff ist das häufigste Element im Universum und stellt eine unerschöpfliche Energiequelle dar. Er findet sich im Wasser, in fossilen Brennstoffen und in Biomasse. Und er kann als Speichermedium verwendet werden.
Seine Nutzung ist nicht neu, schon seit Jahrzehnten wird er in kleinerem Umfang weltweit produziert und zu Strom, Wärme und Antriebsenergie umgewandelt.
Neu und wichtig ist aber, dass der Wasserstoff aus erneuerbaren Energien wie Solar-, Wind- oder geo-thermaler Energie, hergestellt wird. Dann ist er wirklich umweltschonend und emissionsfrei.

Eine auf Erneuerbaren Energien basierende Wasserstoffwirtschaft ist das Energiekonzept für die Zukunft. Die EU darf diese Entwicklung, die von ihrer Bedeutung und ihren Auswirkungen einer dritten industriellen Revolution gleichkommt, nicht verschlafen.
Erste Pilotprojekte wurden bereits erfolgreich gestartet, erste politische Entscheidungen zur stärkeren Nutzung von erneuerbaren Energien in den EU-Ländern verabschiedet. Diese kleinen Schritte sind jedoch nicht ausreichend, um eine nachhaltige Veränderung der Energiepolitik zu bewirken. Vor allem sind diese Aktionen zu vereinzelt und zu zaghaft. Um der drohenden Energiekrise, hervorgerufen durch Ölpreissteigerungen, globale Erwärmung und Versorgungsunsicherheit Herr zu werden, bedarf es eines umfassenden Ansatzes in der Europäischen Union.
Alle Mitgliedsstaaten sind in der Pflicht, Energiesicherheit zu gewährleisten, die Umwelt zu schützen und die Arbeitslosigkeit abzubauen. Mit einer Energiewende hin zur Wasserstoffwirtschaft können diese Ziele simultan erreicht werden. Die EU hat die große Chance, die Vision einer Wasserstoffwirtschaft Realität werden zu lassen und damit das Vertrauen der Bürger in das europäische Projekt wieder zu stärken. Sie kann den Weg in eine neue post-Öl-Ära weisen.
Die EU muss deshalb in ihrem 7. Forschungsrahmenprogramm die Erneuerbaren Energien, wie auch die Wasserstoffwirtschaft mit Vorrang fördern. In dem mit 50 Mrd. EUR dotierten Programm sind für den Zeitraum 2007-2013 insgesamt bisher lediglich 100-150 Mio EUR für die Forschung in diesem Bereich vorgesehen. Die USA und Japan stellen hingegen 250 Mio EUR jährlich dafür zur Verfügung.

Um die Verbraucher weltweit sicher mit ausreichender und bezahlbarer Energie versorgen zu können und um den Klimawandel zu stoppen, bedarf es des Aufbaus einer vollständigen und umfassenden solaren Wasserstoffwirtschaft.
Regierung und Energiewirtschaft müssen dabei Hand in Hand an einer emissionsfreien und damit umweltschonenden Herstellung von Energie arbeiten. Gleichzeitig werden so neue Arbeitsplätze geschaffen.

Um "Wasserstoff" als Energieträger verwenden zu können, muss er aus seinen chemischen Verbindungen mit Wasser, fossilen Brennstoffen oder Biomasse gelöst werden. Das kann auf unterschiedlichen Wegen geschehen. Bereits seit über 100 Jahren existiert das Verfahren der Elektrolyse, das Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufspaltet. Der große Vorteil dieser Methode ist, dass als Nebenprodukt lediglich Sauerstoff anfällt. Das Verfahren ist völlig emissionsfrei und sehr umweltverträglich. Die Elektrolyse wird bisher vorwiegend mit Erdgas durchgeführt
Erneuerbare, kohlenstofffreie Energien, wie Photovoltaik, Wind- oder Wasserkraft oder Erdwärmeanlagen kommen zusehends ins Spiel. Auch mit ihrer Hilfe kann Wasser in seine beiden Bestandteile zerlegt werden.
Aktuell sind die Kosten von Solarzellen und Windkraftanlagen noch relativ hoch. Mit dem zu erwartenden Anstieg der Erdgaspreise und der ebenso zu erwartenden Verbesserung der Technik im Bereich erneuerbarer Energien werden sich die Kosten für die Gewinnung des Wasserstoffs aus diesen Energien aber deutlich positiver entwickeln.
Solarzellen wandeln Sonnenlicht via Halbleiter in Elektrizität um. Sie können praktisch überall auf der Welt eingesetzt werden. In 40 Minuten trifft soviel Energie von der Sonne auf die Erde, wie wir in einem ganzen Jahr verbrauchen. Die benötigen Rohstoffe stehen also in unbegrenzter Menge zur Verfügung.

Wasserstoff wird mittels der Brennstoffzellen, erst beim Endkunden in Strom, Wärme und Antriebsenergie, z.B. für Autos, umgewandelt.
Wasserstoff kann überall dezentral hergestellt werden. Um einen möglichen, aber wenig sinnvollen Transport des Wasserstoffs über längere Strecken zu vermeiden, kann er in regionalen Fabriken hergestellt werden.
Der Umstieg auf die solare Wasserstoffwirtschaft bedeutet den Einstieg in die dritte industrielle Revolution. Die Geschichte zeigt, dass große gesellschaftliche Veränderungen immer mit einer Umwälzung in der Energiegewinnung einhergingen. Im 19. Jahrhundert war es die Kohle, die die Industrie revolutionierte, im 20. Jahrhundert das Erdöl. Beide Energiequellen brachten soziale Entwicklungen und wirtschaftliche Veränderungen hervor.
Das 21. Jahrhundert wird im Zeichen des Wasserstoffs stehen. Um die dauerhafte Versorgung der Bevölkerung mit Energie zu gewährleisten, die hohe Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen und die Umwelt nachhaltig zu schützen, müssen die Staaten der EU zusammen den Einstieg in die solare Wasserstoffwirtschaft beschließen.
Weltweit ist die EU am besten aufgestellt, um die neue Wasserstoffwirtschaft auszubauen und zu nutzen. Europa kann anderen Ländern und Regionen der Welt Wissen und Kompetenz weitergeben und bei der globalen Umstellung auf eine solare Energiewirtschaft ein Vorbild sein.